Erster Trainingstag

Die Nacht war trotz der gefühlt harten Betten erholsam, kein Wunder nach der Flugzeugnacht. Wir sind in einem guten Hotel untergebracht, 2-Bett-Zimmer mit Dusche und WC im Zimmer. Wir treffen uns um 9.00 Uhr mit gepackten Taschen in der Hotelhalle.

Mit dem Bus von der TT-Schule werden wir zu einem nahegelegenen Teehaus gebracht. Es ist Werktag und die Hütte ist voll mit Menschen jeden Alters, die frühstücken. Normal hier, erklärt Suwen, man isst viel auswärts und es ist auch nicht sehr teuer.

Die Speisenauswahl überrascht natürlich China-Neulinge. Viele warme Gerichte, Entenfüsse wer mag, ansonsten gebratene Nudeln, Gemüse, alles was wir uns zum Mittagessen vorstellen können. Für Tobias und mich nichts neues, wir konnten schon mit unserem Vorwissen glänzen. Aber alle werden satt.

Weiter mit dem Bus zum Training. Thorben vergisst erst mal seine Sporthose. Marci hat diesmal seinen Schläger dabei – dafür vergißt er seine Schuhe! Ich überlasse den beiden mein Equipment und habe ein gutes Argument zum Zuschauen.

Pünktlicher Trainingsbeginn, wir mit den 8 chinesischen Jugendlichen. Die Spieler stellen sich nach Größe auf (netter Brauch, das sollten wir mal in Hamburg einführen) und lauschen den Worten von Mr. Luo. Er ist kein professioneller Trainer, ist aber eindeutig Chef im Ring. Suwen leitet das Training. Einspielen, kurz regelmäßige Übungen, schnell unregelmäßige Übungen. Unsere fünf Aktiven geben Vollgas, ich bleibe auf der Bank, will die Sache von aussen studieren. Die Halle ist klimatisiert, nicht wärmer als bei uns im Sommer. Aber die Intensität ist für uns ungewohnt hoch. Unsere Gegner bestechen durch ermüdungsfreies und sicheres Spiel. Unsere Aktiven sehen nach 75 Min schon deutlich angegriffen aus. Nach zwei Trainingsstunden freuen sich alle auf die kalte Hallendusche.

Danach ist Mittagessen. Suwen meint, eine Spielerin hätte gefragt, ob unsere fünf jugendlichen Aktiven alle Geschwister seien, wir sehen wohl durch chinesische Augen betrachtet alle gleich aus. Ja, hätte Suwen geantwortet, Vater mit fünf Kindern…

Inzwischen kommt auch unsere Vegetarier- und Veganerfraktion zu ihrem Recht und wird gut satt. Für den Nachmittag haben wir uns Erholung und einen Bummel über den nahegelegenen Markt vorgenommen. T-Shirts für 2-3 EUR waren der Renner. Einige Stände fuhren bei 36 Grad ungekühltes Fleisch in ihren Auslagen, entsprechend riecht es auch. Lebende Hühner werden life ins heisse Wasser geschubst, bevor sie weiter verarbeitet werden – hier wohl ein Zeichen von besonderer Frische. Simon, unser Veganer, versucht alle von den Grausamkeiten des Fleischessens zu überzeugen.

Dann geht es mit dem Bus wieder zum Training. Heute Nachmittag gibt es Balleimertraining. Fünf Fangnetze werden organisiert. In großen Schüsseln werden Bälle herangebracht, unseren Aktiven wird schon etwas mulmig zu Mute. Zwei Chinesen, ein Deutscher pro Netz. “Die Deutschen sammeln Bälle, die Chinesen spielen Bälle ein”, so eine Ansage von Suwen – jeder das, was er kann.

Das Einspiel ist direkt. Die Bälle werden mit ungewohnt hoher Frequenz eingespielt. Die Chinesen spielen ohne wahrnehmbare Ermüdung eine Riesenballschale leer. Da wollen wir natürlich nicht nachstehen. Und siehe da: alle können nochmal eine Schippe drauflegen und erleben trotz – oder vielleicht sogar wegen – der hohen Belastung das triumphale Gefühl, besser zu werden. Plötzlich können alle schneller und härter ziehen! Und auch Thorben jammert nicht mehr so viel, wenn es nicht gleich läuft. So was nennt man Anpassung. Und es lässt erkennen, wie viele ungenutzte Reserven noch in unseren Aktiven stecken.

Der Parkplatz vor der Halle füllt sich mit Limousinen. Einige Freunde von Mr. Luo kommen, wollen gern gegen uns Spiele machen. Alles Erwachsene im mittleren Alter. TT ist hier für viele Lebensfreude. Immerhin gewinnen wir ab und zu mal gegen die Hobbyspieler.

Abends im Hotel sind wir recht erschöpft. Mr. Luo hat uns noch zwei Kuchen mitgegeben, Kohlehydrate nach dem Training sind gut.

Die ersten Reaktionen zeigen sich auf die Belastung. Thorbens Schulter meldet sich, er wirft sich gleich mal etwas Diclofenac ein. Simon klagt über eine Blase am Fuß, ich habe Blasenpflaster dabei und Tobias hat leichte Spannungen im Rücken. Auch Marcel hat ein Ziehen im Knie. Allein Janni ist fit, er ist halt ein Naturbursche. Mal sehen, was die Nacht bringt.

Und morgen erfahrt ihr weshalb sich einer von uns neun riesige Knutschflecken eingefangen hat…

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