Europäische Hochschulmeisterschaften in Zagreb – Uni Hamburg erneut „f***ed by fortuna“

Morgen beginnt Olympia. Ein Event, dessen Teilnahme den Besten der Besten vorbehalten ist. Kurz vor dem gigantomanischen Ereignis maßen sich vergangene Woche in Kroatiens Hauptstadt, Zagreb, die Besten der Wissendsten. Eher abseits des medialen Fokus vergangene Woche schon einmal ihre eigenen, nicht minder umkämpften olympischen Spiele aus. Erstmalig war Zagreb Gastgeber der Europäischen Spiele der Universitäten (EUSA), eine fast zwei-wöchige Großveranstaltung mit 19 Sportarten und fast 7000 teilnehmenden StudentInnen. Dementsprechend riesig war die Freude als im Juni letzten Jahres unsere drei Hamburger Athleten, Simon Moschall, Jan Niklas Meyer (beide TSV Sasel), Alexander Kellert (SC Poppenbüttel) sowie dem Schleswig-Holsteiner Florian Keck (SC Bargteheide) die Qualifikation zu den EUSA gelang. Das wäre wohl mit der Hilfe des ehemaligen Bundesliga-Spielers und ab sofort Saseler, Hartmut Lohse, nicht möglich gewesen. Der trug vor allem im entscheidenen Spiel gegen Berlin mit einem Sieg über Berlins Nummer eins, Arne Hölter, maßgeblich zur Realisierung des Traums von Zagreb bei. Das tragische dabei: Ihm selbst blieb die Teilnahme an seinen ersten Europäischen Meisterschaft der Universitäten ob seines Alters verwehrt.

So machte sich aber dennoch mit Alex Kellert, Jan Niklas Meyer, Simon Moschall und Florian Keck ein mit vier Regionalliga-Spielern bestücktes Team nach Kroatien auf, das sich keineswegs verstecken musste. Zwar hatte das vergangene Jahr bereits klar gemacht, dass die Podestplätze an die Sporthochschulen aus Russland und Polen vergeben werden würden. Dahinter war jedoch alles sehr offen gewesen, sodass – so komisch das klingen mag – statt des letztlich belegten 12ten Platz im Vorjahr, sogar der vierte Platz nicht unmöglich gewesen wäre (wenn auch mit etwas Losglück). Das sportliche Ziel war also ein Platz im oberen Mittelfeld, was mit der letztjährigen Platzierung bei 28 teilnehmenden Mannschaften (statt 16, wie im Vorjahr) schon erreicht wäre.

Die Anreise erfolgte, ganze im Stile Olympias, bereits zwei Tage vor den Wettkämpfen, sodass genug Zeit zur Akklimatisierung an den kroatischen Hochsommer sowie ein Probetraining blieb. Untergebracht waren alle SportlerInnen auf dem Campus der Universität, sodass sich eine Art olympisches Dorf bildete. Wie sich herausstellte, hatte man keine geringere Halle als diejenige für uns vor gesehen, in der am Vortage noch die Jugend-Europameisterschaften sowie zwei Wochen zuvor bereits die Zagreb-Open stattgefunden hatten. So konnten wir uns beim EM-Finale der Jugend zwischen Alexandre Cassin und Andreas Levenko noch etwas Inspiration für den Folgetag holen.

Am Montag ging es dann endlich mit den Wettkämpfen los. Nach zwei Tagen des Heißlaufens beim Anfeuern anderer deutscher Universitäten in Basketball, Tennis oder Futsal war die Vorfreude riesig. Mit Gastgeber Zagreb, Polen II und der schweizerischen Universität Lausanne, erwischten wir ein akzeptables Los. Es hätte schlimmer und es hätte besser kommen können. Unsere Einschätzung, die sich später auch als angemessen erweisen sollte, war, dass Polen eigentlich nicht schlagbar, die Schweiz eigentlich nicht nicht schlagbar und Zagreb auf Augenhöhe war. Als Zagreb sich als erster Gegner herausstellte war klar: wir begannen mit einem Endspiel. Sich dieser Tatsache bewusst, waren wir, das kann man ohne Übertreibung sagen, die mit Abstand lauteste Universität im ersten Spiel. Vom Jubel dreier Kehlen zu Höchstleistungen auflaufend, legte Florian gut los. Er bezwang die gegnerische Zwei, Alex unterlag der gegnerischen Eins, aber Jan Niklas konnte im so wichtigen Duell der Dreier einen 3:2 Zittersieg hinlegen. Damit die Führung für Hamburg. Im anschließenden Duell der Einser hatte Flo gegen den sicher stärksten Zagreber das Nachsehen, doch Alex konnte schließlich mit vielzähligen Rückhand-Noppen-Punkten und seiner insgesamt besten Turnierleistung den so wichtigen Sieg perfekt machen. Von nun an war die Stimmung auf dem Hoch.

Nach einem kurzen Abstecher zum Badminton in der Nebenhalle, liefen wir zwei Stunden später wieder heiß für unser zweites Match. Simon hatte sich, noch immer nicht einhundert Prozent von der Rückenverletzung genesen, in den Dienst der Mannschaft gestellt und bekanntgegeben, uns lieber von außen einpeitschen zu wollen. So sehr wie im ersten Spiel waren wir jetzt allerdings nicht auf Anfeuerung angewiesen. Gegen die Universität Lausanne ging kein Satz verloren.

Damit hätte die Ausgangslage mit zwei Siegen kaum besser sein können. Zwar bekamen wir am Abend noch eine kleine Lehrstunde der Polen, gegen die nur Flo beim 1:3 gegen den „Tattoo-man“ eine Chance hatte, sein Spiel zu gewinnen. Da Zagreb aber ebenfalls noch gegen Polen musste und unsere Vorstellungskraft nicht ausreichte, uns einen Sieg der Kroaten ausmalen zu können, fuhren wir bestens gelaunt zurück zum Campus. Wenig später, im örtlichen Nachtclub, brav mit Cola das morgige Hauptrundenspiel anvisierend, erreichte uns dann die Hiobsbotschaft: Zagreb hatte – keiner wusste wie – gegen Polen gewonnen. Damit stand unser Ausscheiden fest. Immer und immer wieder gingen wir gedanklich die Spielpaarungen durch und konnten uns nicht erklären, welcher Zagreber da gewonnen haben sollte. Doch am Ende half das alles nichts. So erlebten wir ein seltsames De-ja Vu, denn bereits im Vorjahr waren wir mit 2:1 nach der Gruppenphase ausgeschieden. Das besonders bittere dieses Jahr: Während im letzten Jahr alle Plätze ausgespielt wurden, war dieses Jahr für die Dritten und Vierten der Gruppe das Turnier beendet.

Den unerwartet freien Tag, der uns lange noch ein Dorn im Augen bleiben sollte, verbrachten wir damit, anderen zu Fortuna zu verhelfen, wenn es uns schon nicht wohlgesinnt war. Im Laufe des Turniers entschieden wir uns dazu auf Nachfragen nach unserem Abschneiden nur noch mit „Fucked by Fortuna“ zu antworten. Das fasste unsere Gemütslage gut zusammen. Immerhin lernten wir so aber warum Pritschen beim Beachvolleyball nur in Ausnahmefällen erlaubt ist, dass „Bridge“ auch eine (wenn auch sehr ruhige) Sportart ist und Tischtennisspieler besser Badminton spielen als Badmintonspieler Tischtennis. Warum manche Frauen beim Tennis so laut stöhnen müssen, wollte uns nicht ganz einleuchten. Jedenfalls nutzten wir den ungewollt freien Tag dazu, unseren sportlichen Horizont zu erweitern. Einen Tag später freuten wir uns allerdings wieder in der TT-Halle zu stehen, wenn auch nur für’s Doppel, für das ein ganzer Tag vorgesehen war. Florian und Jan Niklas hatten eine gute Auslosung erwischt, in der erst nach zwei schlagbaren Doppeln aus Nottingham und einer Litauischen Universität das starke Dreier-Doppel der Russen wartete. Das war bei der stärke des Feldes schon eine glückliche Auslosung. Nach gelungener Kür in den Spielen eins und zwei war das Spiel gegen die Russen mit Drittliganiveau am Ende aber doch etwas enttäuschend, weil zu deutlich (0:3). Simon und Alex hatten mit dem russischen Einserdoppel bereits in Runde zwei ein tödliches Los. Mit einem, beinahe zwei, Satzgewinnen verkauften die beiden sich aber sehr gut.

An Wettkampftag vier kam dann zu guter Letzt noch die Königsdisziplin dran, das Einzel. Hier war noch stärker als im Team das Losglück entscheidend. Da nur eine handvoll Spieler mit Weltranglistenranking ausgestattet war und man sich entschied alle anderen Spieler nicht zu setzen, kam es schon in Runde eins zu teilweise seltsamen Paarungen. So trafen zum Beispiel die beiden Vorjahresfinalisten in Runde zwei aufeinander. Simon erwischte mit dem Polen Golebowski das nominell stärkste Los von uns in Runde eins. Der Pole erwies sich an diesem Tag aber als durchaus schlagbar. Zudem spielte Simon, wie so häufig, munter und furchtlos auf und schaffte es sogar in den fünften Satz. Auch hier ging es immer nur mit zwei Punkten Differenz zu, die der Pole aber am Ende halten konnte (3:2, 11:8). Schade, aber gerade angesichts Simons mangelnder Spielpraxis ein beachtlicher Auftritt! Florian bekam es mit einem Polen aus unserer Team-Gruppe zu, gegen den er beim 1:3 allerdings nicht schlecht ausgesehen hatte. Auch dieses Mal konnte Flo den mental anfälligen Polen mit Drittliganiveau wieder ernsthaft in Bredouille bringen und ging zwischenzeitlich sogar in Führung. Im fünften Satz holte er dann sensationell einen 0:7-Rückstand zum 7:7 auf. Jedoch verarbeitete der Pole diese Führungsvergabe, ausnahmsweise mal, erstaunlich gut und ließ Florian danach keinen Punkt mehr. Dennoch, erneut eine beachtliche Vorstellung unseres Regionalliga-Oben-Mannes! Mit Leichtigkeit, allerdings auch mit völlig anderen Gegnern, überstanden nur Alexander und Jan Niklas die erste Runde. Danach traf Alex auf sich selbst in seiner Weiterentwicklung. Leider scheiterten wir auch hier zum dritten Mal an Polen, dem ebenfalls Kurze-Noppen-Spieler konnte Alex zwar über die Rückhand-Diagonale Paroli bieten, nicht jedoch über die Vorhand. Das 0:3 war jedoch alles andere als ein Schande, zog Alex’ Gegner doch am selben Abend noch ins Halbfinale ein. In Runde drei schaffte es nur Jan Niklas, der sich allerdings schon etwas komisch vorgekommen war, als er in Runde zwei gegen einen Bezirksliga-Spieler gespielt hatte, während am Tisch nebenan Zweitliganiveau geboten wurde. Ohne Satzverlust zog Jan Niklas in Runde drei ein, wo der Brite und ehemals in Deutschland aktive Christopher Doran wartete. Der zwei Meter große Pfotenspieler hatte bereits am Vortag mit einer Ballonabwehr-Showeinlage inklusive Seitenwechsel den Ball des Turniers gespielt. Die von Jan Niklas vorausgesehen spielsystemischen Probleme traten dann leider auch ein, es fehlte einfach der harte Vorhand Endschlag um dem ständig aus der Halbdistanz agierenden Doran gefährlich werden zu können (0:3). Hinzu kam, dass der Riese sich mit seinem unorthodoxen Spiel und offenbar guter Performance im Nachtclub die Gunst aller Holländer gesichert hatte. Deren Jubelchöre bekam Jan Niklas nach jedem verlorenen Punkt zu hören. Dagegen waren die ohnehin schon strapazierten Kehlen seiner drei Kameraden machtlos.

Nach unserem Ausscheiden am vierten Wettkampftag setzten wir unser Studium anderer Sportarten fort. Zudem genossen wir noch ein wenig die olympische Atmosphäre auf dem Campus und arbeiteten an der europäischen Völkerverständigung. Schon jetzt tut es in der Seele weh, nächstes Jahr nicht mit dabei sein zu können, ohne Hartmut Lohse und Florian Keck war in der Qualifikation dieses Jahr nichts zu holen. Nun gilt alle Aufmerksamkeit den Europäischen Hochschulmeisterschaften 2018 in Portugal, die ohnehin die attraktivere Veranstaltung ist, weil dort wieder alle Sportarten vertreten sein werden. Mit den potentiellen Hamburger Studenten Leon Abich und Malte Dittmar hätten wir das wohl bislang stärkste Team und eine ideale Ausgangslage, um den Traum von Portugal 2018 zu realisieren.

Jan Niklas

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